GPAI-Durchsetzung seit 2. August 2026: Was Mittelstand-Deployer jetzt wissen müssen
Seit dem 2. August 2026 gelten die Durchsetzungsbefugnisse der EU-Kommission gegen GPAI-Provider. Was das für Mittelstand-Deployer heißt, und welche 4 Provider-Pflichten Sie selbst prüfen müssen.
Stand: Oktober 2026
Schlüsselzahlen auf einen Blick
- Seit 2. August 2026: Die Befugnisse der EU-Kommission gegenüber Anbietern von KI-Modellen mit allgemeinem Verwendungszweck (GPAI) sind in Kraft. Sie umfassen Auskunftsverlangen, Zugang zum Modell für Evaluierungen, Anordnung von Risikominderungsmaßnahmen und Geldbußen von bis zu 3 % des weltweiten Jahresumsatzes (Art. 101 AI Act; alternativ 15 Mio. EUR, je nachdem, welcher Betrag höher ist) sowie die Beschränkung, Rücknahme oder den Rückruf eines Modells (AI Act Service Desk der Kommission, Art. 101). Adressat ist der Provider, nicht Sie als Deployer.
- Altmodelle: GPAI-Modelle, die vor dem 2. August 2025 im Markt waren, haben nach Art. 111 Abs. 3 AI Act Zeit bis zum 2. August 2027, die Pflichten zu erfüllen (Art. 111).
- Die Pflichten (Art. 53/55) gelten seit 2. August 2025 für neu in Verkehr gebrachte Modelle. Die Durchsetzungsbefugnis der Kommission kam ein Jahr später. Nach Angaben der Kommission hat das AI Office in dieser Zeit technische Compliance-Dialoge mit den Providern geführt, setzt sie fort und nutzt förmliche Befugnisse dort, wo Dialoge nicht ausreichen.
- GPAI Code of Practice (veröffentlicht am 10. Juli 2025): der freiwillige Compliance-Pfad. Laut Kommission haben die meisten relevanten Provider ihn unterzeichnet und setzen ihn um. Unterzeichner können den Code zur Demonstration ihrer Compliance heranziehen, bis harmonisierte Standards verfügbar sind. Eine gesetzliche Vermutung der Konformität im Sinne von Art. 53 Abs. 4 entsteht erst über harmonisierte Standards, nicht über den Code allein (code-of-practice.ai).
- Sie sind nicht der GPAI-Provider (das sind z. B. OpenAI, Anthropic, Google, Mistral). Als Deployer sollten Sie aber wissen, ob Ihr Provider seine Pflichten erfüllt, weil Ihnen sonst Informationen fehlen, die Sie für Ihre eigenen Pflichten brauchen.
Warum dieser Post weiter relevant ist
Der AI Act umfasst mehr als die Hochrisiko-Regeln nach Annex III. Seit dem Digital Omnibus (Verordnung (EU) 2026/1744, in Kraft seit 27. Juli 2026) gelten die Annex-III-Regeln erst ab 2. Dezember 2027 und die Regeln für KI in regulierten Produkten (Annex I) ab 2. August 2028 (Kommission). Die GPAI-Provider-Pflichten (Art. 53/55) gelten davon unabhängig seit dem 2. August 2025, die Durchsetzungsbefugnisse der Kommission seit dem 2. August 2026 (für Altmodelle gilt die Übergangsfrist bis 2. August 2027). Der Omnibus erweitert laut Kommission außerdem die Aufsicht des AI Office über bestimmte Systeme, die auf GPAI-Modellen aufbauen.
Sie selbst sind nicht der Provider. Sie nutzen ein GPAI-Modell eines Providers, etwa über eine API. Wird Ihr Use-Case nach Art. 6 Abs. 2 in Verbindung mit Annex III als Hochrisiko-System eingestuft (unter Berücksichtigung der Ausnahmen nach Art. 6 Abs. 3), verlangt Art. 26 Abs. 1 ab 2. Dezember 2027, dass Sie das System gemäß der vom Provider bereitgestellten Anleitung einsetzen. Bis dahin ist das Vorbereitung. Bei nachgelagerten Anbietern, die ein GPAI-Modell in ein eigenes Hochrisiko-AI-System integrieren, springen zusätzliche Informationspflichten aus Art. 53 Abs. 1 lit. b auf den GPAI-Provider. Liefert er nicht, fehlt Ihnen die Grundlage für Ihre eigene Compliance.
Daher: Sie sollten wissen, ob Ihre LLM-Anbieter ihre Pflichten erfüllen und welche Pflichten für sie überhaupt gelten.
Die vier Pflichten der GPAI-Provider nach Art. 53
1. Technische Dokumentation (Art. 53 Abs. 1 lit. a, Annex XI)
Ein GPAI-Provider muss, vorbehaltlich der Open-Source-Ausnahme (siehe unten) und der Übergangsfrist für Altmodelle, eine ausführliche Modell-Dokumentation pflegen: technische Eigenschaften, Trainings-Details, Energieverbrauch, Intended Use. Diese Annex-XI-Dokumentation geht auf Anfrage an Kommission und nationale Aufsichtsbehörden, nicht direkt an Sie als Deployer. Die separate Annex-XII-Information (siehe Pflicht 2) geht an nachgelagerte Anbieter, die das Modell in ein eigenes KI-System integrieren, nicht an jeden Deployer.
Was Sie als Deployer tun können (Empfehlung): Fragen Sie Ihren Provider, ob er die Annex-XI-Dokumentation führt und welche Unterlagen er Kunden zur Verfügung stellt. Dass etwas nicht öffentlich einsehbar ist, heißt nicht, dass der Provider seine Pflicht verletzt.
2. Information an Downstream-Provider (Art. 53 Abs. 1 lit. b, Annex XII)
Der GPAI-Provider muss nachgelagerte Anbieter, die das Modell in ein eigenes KI-System integrieren, über Capabilities und Limitations informieren, damit Sie Ihre eigenen Pflichten (z. B. unter Art. 16 für Hochrisiko-AI-Systeme) erfüllen können.
Was Sie prüfen (wenn Sie nachgelagerter Anbieter sind): Haben Sie ein "GPAI Provider Information Pack" oder vergleichbares Dokument? Wenn der Provider nur "Use our API responsibly" sagt, ist das keine Annex-XII-konforme Information. Fragen Sie schriftlich nach.
3. Copyright-Compliance-Policy (Art. 53 Abs. 1 lit. c)
Der Provider muss eine schriftliche Policy haben, wie er das EU-Urheberrecht einhält, insbesondere die Opt-out-Mechanismen für Text- und Data-Mining nach Art. 4 Abs. 3 der Richtlinie (EU) 2019/790.
Was Sie prüfen: Fragen Sie Ihren Provider, ob er eine Copyright-Policy umgesetzt hat und wie er sie anwendet.
4. Training-Content-Summary (Art. 53 Abs. 1 lit. d)
Der Provider muss eine öffentlich verfügbare Zusammenfassung des Trainings-Inhalts publizieren, auf Basis eines Templates, das das AI Office bereitstellt.
Was Sie prüfen: Auf der Provider-Webseite oder im Trust-Center sollte diese Summary auffindbar sein. Wenn nur "We trained on a diverse dataset" steht, ist das nicht Art.-53-Abs.-1-lit.-d-konform.
EU AI Act
KI-Kompetenz nach Art. 4: aufbauen und dokumentieren
Plus: Art. 55 für GPAI mit systemischem Risiko
Stellt Ihr Provider ein GPAI-Modell mit systemischem Risiko bereit (eingestuft nach Fähigkeiten mit hoher Wirkung oder per Entscheidung der Kommission bei gleichwertiger Wirkung, Art. 51), kommen vier zusätzliche Pflichten dazu:
- Modellevaluation nach standardisierten Protokollen, inklusive Adversarial Testing
- Risk Assessment und Mitigation auf EU-Ebene
- Incident Reporting an das AI Office bei "serious incidents" ohne unangemessene Verzögerung
- Cybersecurity für Modell und Infrastruktur
Praktisch heißt das: Fragen Sie Ihren Provider, ob sein Modell als GPAI-Modell mit systemischem Risiko eingestuft ist. Falls ja, bitten Sie um Auskunft zu Evaluierungen und Incident-Response-Verfahren oder um ein Statement, dass er Art. 55 erfüllt. Dass die Kommission hier seit dem 2. August 2026 Bußgelder verhängen kann, trifft den Provider, nicht Sie.
Der GPAI Code of Practice
Am 10. Juli 2025 wurde der finale GPAI Code of Practice veröffentlicht. Er ist freiwillig. Unterzeichner können den Code als Compliance-Demonstrationsweg heranziehen, bis harmonisierte Standards nach Art. 40 verfügbar sind. Eine Vermutung der Konformität im strengen Sinne von Art. 53 Abs. 4 entsteht erst über solche harmonisierten Standards, nicht über den Code allein. Die Kommission nennt den Code als das Mittel, mit dem die meisten relevanten Provider ihre Pflichten umsetzen. Eine Taskforce der Unterzeichner trifft sich regelmäßig (Kommission).
Was Sie prüfen: Steht Ihr Provider auf der Signatarliste (code-of-practice.ai)? Falls ja, haben Sie einen Anhaltspunkt, dass er sich an einem anerkannten Pfad orientiert. Falls nicht, prüfen Sie die Art.-53-Pflichten einzeln. Das ist aufwändiger, aber machbar.
Die fünf Deployer-Schritte
Was Sie jetzt konkret tun sollten:
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Inventar Ihrer GPAI-Nutzung: welche Modelle, von welchen Providern, in welchen Use-Cases. Output: Tabelle mit Provider, Modell, Use-Case, Fall-in-Annex-III (ja/nein).
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Provider-Compliance-Check pro Anbieter: Code-of-Practice-Signatar? Wenn nein, Art.-53-Compliance-Statement vorhanden? Als Empfehlung an den Provider: Fragen Sie, ob er die Annex-XI-Dokumentation führt (sie geht auf Anfrage an Behörden), ob Sie als nachgelagerter Anbieter die Annex-XII-Information bekommen, wie seine Copyright-Policy umgesetzt ist und wo die Training-Summary veröffentlicht ist.
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Lücken-Liste an den Provider: was fehlt, was Sie brauchen. Höflich, aber schriftlich.
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Eigene Deployer-Pflichten nach Art. 26 für Annex-III-Use-Cases umsetzen (Annex-III-Regeln ab 2. Dezember 2027), siehe unseren AI-Act-90-Tage-Plan. Für Ihre eigenen Pflichten ist in Deutschland in der Regel die Bundesnetzagentur die zuständige Marktüberwachungsbehörde, siehe KI-MIG und Bundesnetzagentur.
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Backup-Plan falls ein Provider seine Pflichten nicht erfüllt: Welcher alternative Anbieter? Dieser Wechsel ist im Hochrisiko-Setup nicht trivial, ein Konzept dafür sollten Sie bereithalten.
Zwei häufige Streitfragen
"Wir nutzen nur die OpenAI-API. Brauchen wir das wirklich alles?"
Wenn Ihr System nach Art. 6 als Hochrisiko eingestuft ist, ja. Annex-III-Anwendungsfälle (HR/Beschäftigung, Bildung, kritische Infrastruktur, Strafverfolgung etc.) gelten als hochriskant, es sei denn, eine Ausnahme nach Art. 6 Abs. 3 greift (Profiling bleibt immer hochriskant). Sie sind dann Deployer eines Hochrisiko-AI-Systems, und Art. 26 Abs. 1 verlangt (Annex-III-Pflichten gelten ab 2. Dezember 2027, bis dahin ist das Vorbereitung), dass Sie das System gemäß der Provider-Anleitung einsetzen. Sind Sie zudem nachgelagerter Anbieter (Sie integrieren das GPAI in Ihr eigenes AI-System), greift zusätzlich Art. 53 Abs. 1 lit. b mit Annex-XII-Information vom GPAI-Provider an Sie. Fehlt beim Provider eines davon, fehlt Ihnen die Grundlage für Ihre eigene Compliance.
"Was ist mit Open-Source-Modellen wie Llama?"
Art. 53 Abs. 2 enthält eine Open-Source-Ausnahme für Modelle ohne systemisches Risiko, die unter einer freien Open-Source-Lizenz stehen (Zugang, Nutzung, Änderung und Weitergabe erlaubt) und deren Parameter einschließlich Gewichten, Modellarchitektur und Nutzungsinformationen öffentlich verfügbar sind: dann entfallen die Pflichten (1)(a) Tech-Doku und (1)(b) Downstream-Info. Ob ein konkretes Modell diese Bedingungen erfüllt, ist im Einzelfall zu prüfen (Kommission, GPAI-FAQ). Aber: Copyright-Policy (1)(c) und Training-Summary (1)(d) bleiben. Und: offene Modelle können nach Art. 51 als Modelle mit systemischem Risiko eingestuft werden, etwa bei Fähigkeiten mit hoher Wirkung oder per Entscheidung der Kommission. Dann gilt die Open-Source-Ausnahme nicht, und es greifen die zusätzlichen Art.-55-Pflichten.
Bottom Line
Der 2. August 2026 war nicht "der AI Act tritt in Kraft", der Act ist seit 2024 in Kraft, und die GPAI-Pflichten gelten seit 2. August 2025. Es war der Tag, ab dem die Kommission gegenüber GPAI-Providern durchsetzen kann. Für Sie als Mittelstand-Deployer bleibt die Aufgabe, bei Ihren Providern nachzufragen, ob sie geliefert haben.
Welcher Ihrer GPAI-Provider hat den Code of Practice unterzeichnet, und bei welchem müssen Sie nachhaken?
Quellen
- AI Act Service Desk der Europäischen Kommission: Durchsetzungsbefugnisse gegenüber Providern der fortschrittlichsten Modelle
- Europäische Kommission, 27.07.2026: AI Omnibus enters into force
- Europäische Kommission: Signatory Taskforce GPAI Code of Practice
- AI Act, Art. 101 (Geldbußen für GPAI-Provider) und Art. 111 (Übergangsregeln)
- AI Act Service Desk der Europäischen Kommission: Art. 6 (Einstufung als Hochrisiko-System)
- GPAI Code of Practice
- Europäische Kommission: Fragen und Antworten zu KI-Modellen mit allgemeinem Verwendungszweck
EU AI Act
KI-Kompetenz nach Art. 4: aufbauen und dokumentieren
Art. 4 verlangt Maßnahmen zum Aufbau von KI-Kompetenz, aber kein bestimmtes Niveau und kein Zertifikat. Die Checkliste zeigt in 12 Fragen, wo dein Unternehmen steht.
Über den Autor
Co-Founder · Business & Content Lead
Co-Founder von Sentient Dynamics. 15+ Jahre Business-Strategie (u.a. SAP), MBA. Schreibt über AI-Act-Compliance, ROI-Messung und wie Mittelstand-CTOs agentische KI tatsächlich einführen.